Von Ancona nach Civitanova Marche
In einem Schloß zu wohnen ist schon eine schöne Sache, alles war sehr edel, das Badezimmer ganz in Marmor, die Keramik von Villeroy & Boch, nur das Bett entsprach nicht dem Standard, ein eher wackeliges Gestell. Auch die Stiegenhäuser verbreiten einen Hauch von Luxus - bis man dann den Frühstücksraum betritt und sich in ein Bahnhofsbuffet versetzt fühlt. Aber hey, ich will ja eh nur frühstücken, und Bescheidenheit ist angesichts der Auswahl auch angebracht. Vor dem Frühstück habe ich bereits mein Rad abfahrbereit gemacht und bin nicht mit dem Lift, sondern durch das Stiegenhaus nacht unten gegangen, um noch Fotos zu machen. Unten angekommen ist allerdings die Tür verschlossen (Achtung, Fluchtweg!!!) also wieder hinauf in den 3. Stock. Morgensport denke ich mir, wenn ich da gewusst hätte, welch sportliche Herausforderung mich heute noch erwarten sollte. Ancon liegt ja auf einem Hügel, hindurchfahren wollte ich nicht, so wählte ich eine Umrundung durch das Hinterland. Aber auch das Hinterland ist ein Hügel, nein viele Hügel, und die Anstiege sind teilweise dermassen steil, dass ich mit dem niedrigsten Gang und trotz maximaler Unterstützung oft kaum den Berg hochkomme. Hat man einen Berg geschafft und braust auf der anderen Seite wieder runter, wartet bereits der nächste Hügel auf mich. Ich fahre eher gemächlich hinunter um mich für den kommenden Anstieg ein wenig zu erholen. Nach nicht einmal 15 Kilometer ist auf meiner Anzeige bereits der erste Balken der Akku Kapazitätsanzeige verschwunden, so wie auch meine Kräfte schwinden. Die fahrt geht zumeist über ruhige Nebenstrassen, aber auch Schotterpisten, und dann wird's auch noch eine derartige Rumpelpiste über mehrere Kilometer, hinauf wie hinunter :-( Zwei Italiener fragen mich nach dem Weg - wie spassig - ich kann ihnen natürlich nicht sagen, wie der Ort heisst den sie meinen. Ich sage nur, it´s steep, da lacht einer und sagt, here is everything steep, nur die beiden hatten ultraleichte Gravelbikes, da hat man leicht lachen :-)) Nach jedem Anstieg hoffe ich dass die Tortur bald ein Ende hat, aber es ist immer wieder noch ein Hügel zu überwinden. Es ist so ähnlich wie in der Toskana, nur steiler. Vergleiche ich meine Fitness mit vor zwei Jahren, als ich über den Apennin nach Rom geradelt bin, sieht es nicht so gut aus. Liegt es daran dass ich unvorbereitet gestartet bin, oder dass ich ein paar Kilo mehr habe, oder einfach dass ich älter geworden bin? Wahrscheinlich von allem etwas, aber anyway, ich bin hier, froh und dankbar, es überhaupt machen zu können!!! Hätte ich allerdings diese Prüfung am ersten Tag dieser Reise gehabt, wäre ich abgestiegen und beim nächsten Bahnhof nach Hause gefahren ..... Die Landschaft ist ja wirklich sehr schön, vor allem im Vergleich mit der schon eintönigen Strandkulisse der letzten Tage, aber ich habe kaum ein Auge dafür. Endlich sehe ich in der Ferne wieder das Blau des Meeres auftauchen, es scheint ich habe es geschafft. Noch nicht ganz, einmal geht noch, dann aber hinunter an die Küste :-) Ich muss gestehen, für die nächsten Minuten sah ich die Szenerie entlang des Meeres mit anderen Augen, eher Rosa gefärbt ;-) Es waren 26 Kilometer uphill downhill für die ich zwei Stunden brauchte. Dazwischen hörte ich immer wieder Hans Knaus sagen, die Oberschenkel müssen brennen, check! In Porto Recenati verläuft ein grosszügiger autofreier Boulevard zwischen sehr ansprechenden und sehr bunten Häuserzeilen und dem eher schmalen Strand, hier dachte ich mir, würde ich es sicher eine Woche aushalten, muss ja nicht in der Hauptsaison sein. An diesem Küstenabschnitt ist so gut wie alles entlang der Strasse und auch in den Orten jeder Platz verparkt, und jetzt wundert es mich auch nicht mehr dass auf Booking hier kaum ein freies Quartier ausgewiesen wird, und wenn, dann sehr teuer. Das ist auch mein Problem bei der Tourenplanung und der Grund, warum ich heute nur 65 km gefahren bin. Es war einfach nicht möglich, etwas passenderes zu finden. Morgen fahre ich wieder über 80 km, wieder unter diesen Vorzeichen. Ich suche eine Pasticceria, finde aber keine, so bleibe ich an einer Strandbar mit Namen Peter stehen, um meinen Cappuccino zu trinken. Was soll ich sagen, der Name alleine macht´s nicht ;-) Es war wieder so eine Milchlacke (mein Freund Peter würde ihn lieben) also holte ich mir noch einen Espresso zum dazu gießen. Wurde damit aber auch nicht wirklich besser. Schade, denn ich trinke nur einen Kaffee am Tag und wurde schon zweimal enttäuscht. Es wurde sehr bald wieder sehr heiß, ich war froh heute nur eine kurze Etappe zu haben. Ein "Highlight" auf der Strecke war noch eine Fußgänger und Radunterführung, Kopf einziehen alleine war zu wenig. Umso weiter ich nach Süden komme, umso schöner wird die Farbe des Meeres, bin neugierig was da noch kommt. Als ich um 13 Uhr bei meinem Quartier ankomme lese ich, check in ab 14:30 also ein paar extra Kilometer hinunter zum Strand, denn das Hotel liegt nicht zentral. Am Strand bekomme ich gerade noch einen Platz in einem Strandrestaurant, und ich bekomme wonach mich schon seit Tagen gelüstet, weil dieser unverwechselbare Duft oft in der Luft liegt - Calamari :-) Danach, pünktlich um 14:30 wird mir Einlass gewährt - im La Radice Country House Hotel. Ein freundlicher junger Mann - Stefano der Junior Chef des Familienbetriebs - empfängt mich mit meinem Namen und übergibt mir die Zimmerkarte zu einem sehr schönen Einzelzimmer. Der Schreibtisch an der Rezeption ist ein alter Seitenaltar, cool. Normalerweise gibt es Frühstück ab 8 Uhr, aber auf Nachfrage hat er mir Frühstück schon ab 7 Uhr zugesagt. Ich fahre lieber so früh als möglich ab, denn am Nachmittag wird es schon deftig warm. Bei meiner Frage nach einer Garage für mein Rad muss er leider verneinen, es gibt auch keine Lademöglichkeit, aber Stefano hat eine Lösung (Wille/Weg Prinzip) Im ersten Stock gibt es auf der Aussentreppe - unter der mein Rad steht - eine Steckdose, von der lässt mir Stefano ein Kabel herunter baumeln, eccola, da ist sie die Lösung. Danke Stefano! Das Hotel verfügt auch über einen Pool, es ist fantastisch endlich selbst mal zu schwimmen, in einem Pool der noch dazu für Stunden nur mir gehört, und nicht nur den Touristen dabei zuzusehen ;-) Ich mache ein feines Nickerchen am Pool, danach einen Videocall mit meinem Opa Mädi <3 da geht mein Herz auf, wenn ich sie sehe! Wie es aussieht, gibt es heute kein liebgewonnenes Ankommensbier, denn eine Bar gibt es nicht, Wieder ist es Stefano, der mir ohne das ich danach gefragt habe, aus seinem Privathaushalt ein Bier kredenzt, und nichts dafür nimmt, was für ein Service!! Abendessen gibt es im Zimmer, denn wegfahren möchte ich heute keinesfalls nochmal. Zwei "gesunde" Kinder Früchteriegel, die ich mir genau für solche Situationen mitgenommen habe machen auch satt und es gibt eh schon bald wieder Frühstück, und dann ab nach Roseto degli Abruzzi. Laut Ventusky könnte es in den nächsten Tagen Regen geben.....
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