Tag 14

Veröffentlicht am 6. Juni 2026 um 20:40

Von Trinitapoli nach Molfetta

Ich habe auf Reisen IMMER ein kleines Radio mit SD Kartenslot dabei um meine eigene Musik hören zu können - nicht die ich spiele, sondern die mir gefällt, obwohl mir natürlich auch die Musik gefällt, die ich selbst spiele ;-) Ohne Musik geht bei mir gar nicht! Als ich heute früh noch schlaftrunken einschalte, erklingt Steiermark von Gerd Steinbäcker - besser kann der Tag nicht beginnen! Während ich schon mal mein Gepäck wieder nach unten trage und das Rad bepacke, fragt mich die diensthabende Dame schon nach meinen Wünschen. Um 7:30 wartet die Signora schon mit dem Tee auf mich :-) Ich esse Cornflakes mit Joghurt und bekomme sogar einen Toast serviert, ausser uns beiden scheint niemand sonst da zu sein. Als ich zum Rad gehe begleitet mich die Signora und beobachtet mich dabei, wie ich mich adjustiere, zuletzt noch mit Sonnenschutz einsprühe. Dabei redet sie auf mich ein, ihre Mimik verrät das es nette Worte sind und wir verabschieden uns sehr herzlich. Wieder auf der Straße stelle ich mit Freuden fest, der Wind von gestern ist Schnee von gestern, wofür ich sehr dankbar bin, denn meine Beine sind noch schwer. Es sind nur 15 Kilometer bis ich wieder am Meer bin, doch der Weg dorthin führt wieder über Straßen mit tiefen ausgeschwemmten Löchern, die teilweise zugepflastert wurden, was auch kaum besser ist, und dem Müll an den Strassenrändern, der mir ja schon fast nicht mehr auffällt, so allgegenwärtig ist dieser Mist :-( Mir ist unbegreiflich wie manche Autofahrer ihre Autos mit hoher Geschwindigkeit über diese Piste prügeln, es schnalzt und scheppert, doch das kümmert sie nicht. Ein Phänomen dass mich immer genau dann ein Auto überholt, wenn ich auf ein tiefes Schlagloch treffe und nicht ausweichen kann - dann scheppert es bei mir. Die Bevölkerung hier im Süden hat eine Methode "kultiviert" bei der sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sie betreiben Brandrodung entlang der Strassen. Dabei wird gleich der Müll mitverbrannt, sofern brennbar, sonst bleibt er angekohlt eben liegen. Man kann es hier überall riechen und sehen - auch scheint es, wenn schon nicht legal, zumindest einfach geduldet zu werden. Die Straße ist gesäumt von Olivenhainen und Obstkulturen, vorwiegend Pfirsiche. Noch ehe ich das Meer erreiche, sehe ich vor mir Radfahrer mit Packtaschen. Ich hole auf und möchte gerne wissen woher und wohin. Es ist eine Gruppe von Italienern die nicht sehr gesprächig waren, die ich im Laufe des Tages noch öfter treffen werde. Mir ist aufgefallen, seit ich die Provinz Puglia erreicht habe, sind die Menschen unfreundlich geworden und die Autofahrer rücksichtsloser gegenüber Radfahrern. Ich hoffe das steigert sich nicht noch. An der Küste angekommen fühle ich Erleichterung. Die Fahrt durch das Hinterland des Gargano war zwar sehr anstrengend, aber ich bin froh diese Route gewählt zu haben, die Berge des Gargano sind nur noch schemenhaft am Horizont zu erkennen. Bald erreiche ich Barletta, endlich auch wieder ein Radweg, wenn auch nicht für lange. Die Fahrt durch die Stadt bestätigt meinen Eindruck, das Fahrräder hier keinen besonderen Status genießen. Der Verkehr ist extrem hektisch, ein Gehupe und Lärm dass ich froh bin, bald wieder draussen zu sein, nachdem ich auch ein paar ruhigere Ecken gefunden habe. Ich fahre auf einer vielbefahrenen Schlechtstrasse in Richtung Trani, in. deren Verlauf ich etliche grosse Marmor - und Granitverarbeitende Betriebe entlang der Straße sehe, da wird wohl in der Nähe ein Marmor (sagt man) Steinbruch sein? Trani ist das Highlight des heutigen Tages, eine sehr sehenswerte Altstadt. Viele internationale Gruppen  - ich habe zumindest Französisch und Englisch vernommen - laufen mit fahnenschwingenden Fremdenführern von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten. Diese Treiben sehe ich mir - lange gesucht, endlich gefunden - in einer Bar direkt am Hafen an - ich liebe Häfen :-) Guter Cappuccino - auch lange gesucht - und ein Cornetto vuoto schmecken mir vorzüglich, während ich mit Riki telefoniere. Eigentlich hat mich ja ein äusserst geschäftstüchtiger Kellner auf der Straße abgefangen und hereingewinkten, ein Italiener wie aus der Pate III ;-) (wer die Trilogie nicht gesehen hat, sollte es tun). Ich bleibe lange sitzen weil es einfach schön ist und ich für heute bewusst eine kurze Etappe geplant habe - und es ist auch gar nicht mehr weit, denke ich mir, als ich kurz vor 12 wieder aufbreche. Aus Trani hinaus führt ein wunderbarer Radweg, heute wieder in blau gehalten, dem ich für einige Kilometer folge. Dann ist aber ohne jede Vorankündigung Schluß. Nicht nur der Radweg ist zu Ende, eine unüberwindbare Barriere ermöglicht keine Weiterfahrt. Wieder mal zu früh gefreut. Ein Blick auf die Karte macht es auch nicht besser. Ich fahre zurück und suche einen Weg zum Strand, denn dort verläuft laut Karte ein Weg. An einer Kettenabsperrung kommt ein Radfahrer daher den ich frage, ob es hier möglich ist zum Strand durchzufahren. Yes, also los, unter der Kette durch. Aber es kommt wie es kommen musste, eine nicht für Fahrräder gebaute Schleuse versperrt mir den Weg. Fußgänger kommen problemlos durch. Ich will hier auch durch, also packe ich die Taschen ab und versuche mein Glück. Nicht einmal nur auf dem Hinterrad komme ich durch, schlimmer noch ich verkeile mich total und breche den Spiegel ab. Fußgänger die hier durchwollen schauen nur blöd, es macht aber niemand Anstalten mir zu helfen. Ich she ein dass es nicht geht und mit grosser Mühe und viel Schweiß schaffe ich mich und das Rad wieder hinaus aus dieser Schikane. Da kommen auf der anderen Seite zwei Radfahrer daher, die kurz vor der Schleuse abbiegen und FÜNF Meter neben der Schleuse durch einen offenen Durchgang einfach hindurchfahren. Oh Gott bin ich ein Trottel, Augen auf du alter Depp. Das war mein persönlicher Cabaret Beitrag, den ich nicht scheue zu erzählen. Ich packe also wieder auf und will losfahren, aber es geht leer durch, die Kette habe ich bei diesem Manöver auch noch heruntergerissen, aber zum Glück nicht abgerissen! Ich fahre also auch neben der Personenschleuse lässig hindurch, stehe aber kurz darauf vor dem endgültigen Aus, noch eine derartige Schleuse - es ist eben ein Fußweg, alles klar nun. What´s next ,sinniere ich, zuerst mal zurück und unter der Kette wieder hindurch auf den leuchtend blauen Radweg, der eine Sackgasse war. Ich suche mir mal einen Schattenplatz und erörtere die Lage. Es gibt genau nur eine einzige Alternative, viele Kilometer zurück, dann unter der Bahn durch um daraufhin auf die SS16 - die jetzt doch wieder Adriatica heisst - zu gelangen. Was soll´s, avanti! Ein weiteres Problem tut sich auf, als ich die ss16 erreiche. Die wird hier zweispurig geführt mit baulicher Fahrbahntrennung zur Gegenspur, quasi wie eine Autobahn - nur ohne Pannenstreifen. Das ist das Problem, denn für mich gibt´s nur den schmalen Seitenstreifen, der so schmal ist das mein Lenker immer in die Fahrbahn hinein ragt, und rechts von mir ist die Fahrbahn durchgehend mit mannshohen Leitschienen begrenzt. Dazu kommt, dass auch gefahren wird wie auf der Autobahn. Ich schicke ein Stossgebet gen Himmel und hoffe dass ich die folgenden 15 Kilometer heil überstehe - es wurde erhört, Danke! Endlich durch durch diesen Wahnsinn, folge ich einer auch vielbefahrenen Straße - natürlich wieder bei heftigem Gegenwind - bis zu meinem heutigen Ziel Molfetta. Ein paar Fotos und ab ins Quartier, ich habe für heute nach 65 Kilometer genug von der Straße!  Ich sehe ein Denkmal von Vittorio Emanuele II, er war der erste König von Italien. Da ist mir wieder eingefallen was mir Nicola (der Offiziersanwärter der Marine) erzählt hat. Das italienische Seerecht bezieht sich in einigen Artikeln noch heute  auf Gesetze die der letzte König von Italien vor hundert Jahren erlassen hat. Krass, er hat nur den Kopf geschüttelt. Meine Unterkunft ist wieder ein B&B heute wieder für uns beide, das Rad und mich. Molfetta wie auch Trani sind keine klassischen Badeorte, da zählen wohl andere Qualitäten.

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