Tag 16

Veröffentlicht am 8. Juni 2026 um 21:35

Von Polignano a Mare nach San Vito dei Normanni

Als ich gestern am Abend noch am Balkon gesessen bin, musste ich eine Jacke anziehen, abends - sobald die Sonne untergegangen ist - wird es rasch kühl hier. Unter mir zog eine singende Prozession vorüber, auf dem Platz spielten die Kinder mit dem Fußball und alle Lok ale und die vorgelegten Gastgärten waren voll besetzt. Sonntagabend, wenn bei uns in Österreich sich die meisten mental auf die kommende Arbeitswoche vorbereiten, geht hier in Italien noch lange in die Nacht hinein die Post ab. Das war ein geringer und in Kauf zu nehmender Nachteil der Wohnung in Zentrumslage. Um drei Uhr hörte ich noch Stimmen von der Straße, und die Italiener reden auch nachts in ihrer gewohnten Lautstärke miteinander. Ich habe aber ohnehin nicht gut schlafen können, schon die zweite Nacht in Serie hatte ich eine dieser elenden weichen Matratzen als Liegestatt, mag ich gar nicht! Pünktlich um 7:30 steht Giuseppe wie vereinbart vor der Tür. Der gute Junge hilft mir wieder das Rad über diese steile Treppe hinunter zu bringen. Vor den Lokalen türmen sich die Müllsäcke mit den Resten eines sicher sehr erfolgreichen Wochenendes. Wobei, als ich Giuseppe fragte ob dieser Ansturm der Massen dem Wochenende geschult sei, meinte er nur, Touristen kommen jeden Tag in Scharen. Italiener sehe ich heute aber tatsächlich in viel geringerer Zahl, die Strassen entlang der Küste sind nicht mehr vollgepackt, auch die Italiener müssen heute wieder arbeiten und die Kinder zur Schule, Alltag eben. Nach wenigen Kilometer ist Monopoli schon erreicht, in einer Bar hole ich das Frühstück nach, dolce, was sonst. Von Monopoli sehe ich leider wenig, denn ich bin auf der Suche nach einem Bike Geschäft und muss dazu quer durch die Stadt fahren. Der Laden öffnet um 9 Uhr, pünktlich fahre ich dort vor. Der Inhaber ist schon schwer beschäftigt, er bereitet Leihräder vor, die hier von den Touristen zu Tagesausflügen gerne geliehen werden - habe ich im Internet bei der Recherche gelesen. Ich muß ein wenig warten, dann widmet ersichtlich aber meinem Problem, das er sofort erkennt, als ich auf den Stummel des verlorenen Spiegels zeige. Er schickt mich in die Werkstatt , ein Mitarbeiter montiert mir in kürzester Zeit einen neuen Spiegel für zehn Euro inklusive Arbeit, vielen Dank ProBike! Ich bin fertig und kann weiterfahren, ein anderer Biker muss noch warten, an seinem Gravel Bike ist die Kette gerissen. Ich folge einem schönen Radweg entlang der Küste - im Radio singt gerade Amanda Lear, follow me, just follow me - den ich bald in Richtung Fasano verlasse. Es ist wenig Verkehr, der Himmel ist von Schleierwolken verhangen, die Temperatur liegt bei angenehmen 25 Grad, und ich habe fast den ganzen Tag Rückenwind, so soll es sein, so kann es bleiben! Ich fahre für viele Kilometer auf einer Straße, die links und rechts mit Steinmauern begrenzt ist. Dahinter liegen weit in die Tiefe reichende Olivenhaine, die wiederum durch Steinmauern unterteilt sind. Darauf befinden sich tausende Olivenbäume, darunter auch unzählige sehr alte Exemplare, sicher mehrere hundert Jahre alt. Die Anlagen wirke durchwegs sehr gepflegt, sehr gerne würde ich ein Öl dieser Oliven kosten. Dazwischen immer wieder schwere Gittertore vor Auffahrten zu prächtigen Herrschaftssitzen, das sind wohl die Grossgrundbesitzer, also Olivenbauern ;-) Leider sieht man dazwischen auch mal gefällte alte Bäume, und Flächen sind neu aufgeforstet, mit jungen Bäumen, dicht an dicht in Reih und Glied, kein Vergleich zu den uralten Kulturen. Borgo Egnazia, ein schlossähnlicher Prachtbau mit gleich zwei Auffahrten liegt mitten zwischen Olivengärten. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite erstreckt sich ein bestens gepflegter Golfplatz, hier urlauben Menschen, die sich Preise zwischen 1.100 bis 1.500 Euro pro Nacht für ein Standardzimmer leisten können, Suiten und Villen 3.000 bis 10.000+ Euro - pro Nacht. Immerhin gehört es zu den exklusivsten Hotels in Apulien. Als ich mich dem Tor nähere um ein Foto durch die Gitterstäbe zu machen, kommt sofort Security aus einem Seitengebäude und sie ersuchen mich höflich aber bestimmt zu gehen, Fotos nicht erwünscht, nicht erlaubt. Ein paar Fotos habe ich eh schon gemacht, ehe sie mich bemerkt haben ;-)  Ich fahre also weiter, bald beginnt es kontinuierlich anzusteigen, der Wind schiebt mich spürbar hinauf, es fährt sich grossartig. Kurz vor Erreichen des Ortes Ostuni wird es dann aber auch mit Rückenwind spürbar, dass es bergauf geht. Ostuni ist bekannt als weiße Stadt, eine der zahlreichen Sehenswürdigkeiten von Apulien. Ehe ich irgendetwas von der Stadt ansehen konnte, führt mich der Verkehrsfluss auch schon wieder auf der anderen Seite hinunter. Wäre ich jetzt extra hierhergefahren, könnte ich sagen ich war in Ostuni, aber gesehen habe ich davon nicht viel. Deshalb mache ich auch keine Ausreisser von meiner geplanten Tour, wenn es nicht auf meiner Strecke liegt, dann soll es so sein. Schon bald erreiche ich San Vito dei Normanni, mein Ziel für heute ist erreicht. Mein Quartier ist der Jackpot, ich habe die Junior Suite ergattert und es gibt einen Pool. Da trifft es sich natürlich gut, dass es am Nachmittag vorbei ist mit der Bewölkung. Planschen im Pool, dann ein kühles Bier im Schatten - aber die Pflichten wie Wäschewaschen wollen auch erledigt werden. Francesca ist eine sehr freundliche und hilfsbereite Vermieterin, die Anlage ist top in Schuss. Einziges Manko, es gibt kein Lokal in der Nähe, aber ich habe eh zu Mittag eine Kleinigkeit gegessen, muss reichen bis zum Frühstück, das mir um 7:30 aufs Zimmer serviert wird . Sehr gerne hätte ich heute für einen besonderen Menschen eine Kerze entzündet, leider war keine der zahlreichen Kirchen im Ort geöffnet :-(

Fotos werden - wie schon üblich - auch nachgereicht

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