Von Otranto nach Lecce
Der letzte Tag meiner Süditalien Radreise ist angebrochen, routiniert wird gepackt, nochmals alle Räume checken ob nichts zurückgeblieben ist und dann hinauf auf die Dachterrasse, Simona wartet schon mit dem Frühstück auf mich. Vorher habe ich noch mit Riki telefoniert, zu deren heutigem Geburtstag ich es bekanntlich nicht geschafft habe, Zuhause zu sein :-( Es ist acht Uhr, der Himmel ist grau, es ist kühl, da bleibt nur zu hoffen das es nicht auch noch zu regnen beginnt. Das liebevoll angerichtete Frühstück könnte italienischer nicht sein, ich esse zwei Stück Zwieback und einen mit süßer Vanillecreme gefüllten kleinen Kuchen und ein Joghurt, mehr süß geht morgens einfach nicht. Troppi dolci per me, sage ich zu Simona als sie mich fragend ansieht. Nur aus Höflichkeit möchte ich nicht alles aufessen. Es ist fast neun als ich losfahre, das Wetter ist unverändert, manchmal blitzt die Sonne kurz durch, kann sich aber gegen die Wolken nicht behaupten. Erst kurz vor Lecce setzt sich die Sonne für ein, zwei Stunden durch. Vorher fahre ich aber über eine enge Landesstrasse durch einen Naturpark, der Pinienwald ist dicht und unberührt. Gebüsch und Sträucher entlang der Straße wurden schon lange nicht mehr geschnitten und ragen in die Fahrbahn hinein. Dementsprechend weit in der Fahrbahn muss ich fahren und werde von hinter mir ankommenden Fahrern immer wieder angehupt, aber wo soll ich hin, zum Glück ist der Verkehr nicht allzu stark. Nach etlichen Kilometer auf dieser Piste kann ich endlich weg und biege auf eine Nebenstraße, die dann über viele Kilometer durch ziemliches Ödland führt, aber großartig zum Radeln ist, zumal der Wind auch noch von hinten kommt :-) Viele ehemalige Gehöfte sind in ähnlich desolatem Zustand wie die schon von den letzten Tagen bekannten Olivenfriedhöfe. Auf einer dieser Schotterstrassen überholt mich ein Gravelbiker als ich gerade fotografiere. Er fragt any problem ? Main Daumen nach oben signalisiert ihm, alles OK, er fährt weiter. Später hole ich ihn ein und wir fahren einige Zeit nebeneinander her und unterhalten uns über unsere Erlebnisse hier in Italien. Er heißt Steffen und kommt aus der Nähe von Augsburg. Er ist wie ich am 24. Mai gestartet, allerdings am Bodensee und ist eine völlig andere Route nach hier herunter gefahren. Seinen Job hat er gekündigt, neuer Job erst im Oktober, deshalb hat er die Zeit diese Reise zu machen. er fährt noch bis (habe ich vergessen) dort trifft er sich mit seiner Freundin für ein paar Tage gemeinsamen Urlaub. Dann fährt er noch bis zum Brenner, dann mit dem Zug heim. Wie ich ist auch Steffen der Meinung, so eine lange Reise nur alleine unternehmen zu wollen, zu unterschiedlich sind die persönlichen Bedürfnisse und erfordern immer Kompromisse - und schon ist es vorbei mit der Freiheit die wir beim Radreisen so genießen und lieben. Aber so eine lange Radreise macht man eh nur maximal einmal im Jahr ;-) Nach 50 Kilometer bin ich schon kurz nach 12 in Lecce eingefahren. Ich schreibe meinem Vermieter ob ich so früh einchecken kann. No problem, er schickt jemanden vorbei der mir den Schlüssel gibt, und der mir hilft mein Gepäck über eine noch steilere Treppe in den ersten Stock zu tragen, vielen Dank! Auf meine Frage wo ich mein bici unterstellen kann, weiß er keine Antwort. Die Wohnung liegt mitten in der Altstadt in einer engen Gasse. Nach einem Telefonat bringt er mich ein paar Häuser weiter durch ein großes Tor in einen Hinterhof, wo schon Räder stehen. Nun gut, absperren und hoffen dass es noch da ist wenn ich wiederkomme. Er versteht leider kein Englisch und kann mir auch nicht beantworten, ob das Tor zur Straße immer offen bleibt. Paolo der Vermieter, der weiß das, aber der kommt erst um halb fünf her. Ich klettere wider hinauf zu meinem Zimmer und beginne mich zu sondieren. Ich checke ChatGPT zur morgigen Zugverbindung, ob wohl eh Räder mitgenommen werden, denn beim Buchen war nur ein kleingedruckter italienischer Hinweis zu finden, dass dieser Zug Räder transportieren kann. Dann wird mir heiß, denn die Antwort lautet, ja, aber der Fahrradplatz muss im Voraus reserviert werden, da nur begrenzt Platz für maximal sechs Räder besteht. Ob was frei ist kann mir die App nicht herausfinden. Ich öffne das Buchungsportal von Trenitalia, kann aber - wie schon vor Tagen bei der Buchung - nichts finden. Ich versuche es über eine Servicenummer die angeblich deutschsprechend bedient wird. Nach endlosen 20 Minuten wiederholten Hörens dass alle Mitarbeiter beschäftigt sind, lege ich auf. Ich fahre zum Bahnhof und versuche dort mein Glück. Leider stehe ich vor dem mittlerweile verschlossenen Tor, hinter dem mein Rad steht. Sch…..!!! Zum Glück erreiche ich meinen Vermieter der mir nach 10 Minuten einen Code schickt. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie leicht das Rad ohne Gepäck zu fahren ist, in weitern 10 Minuten bin ich am Bahnhof. Mein ungutes Gefühl hat sich bestätigt, die freundliche Dame am Infoschalter erklärt mir dass ich mein Rad nur voll verpackt mit in den Zug nehmen darf, denn die Radplätze sind ausgebucht. Woher ich eine derartige Verpackung bekommen kann, das weiß sie auch nicht. Ich versuche ihr die Dringlichkeit klar zu machen, da ich ja ein nicht stornierbares Ticket von Bologna nach Graz habe und deshalb morgen unbedingt nach Bologna muss. Let me check, sagt sie und hat eine Lösung, Es gibt den ganz gleichen Zug mit Abfahrt acht Uhr und Ankunft 17 Uhr in Bologna - und es gibt einen freien Radplatz!!! Sie bucht mein Ticket auf die neue Abfahrtszeit um, was problemlos möglich ist. Ich bezahle 3,50 für den Radplatz, das war‘s . Ich bedanke mich, you made my day und werfe ihr einen Kuss zu durch die Scheibe, so dankbar bin ich ihr :-) Dann frage ich noch zwei Bahnmitarbeiter, von welchem Bahnsteig dieser Zug abfährt. Das können sie mir nicht sagen, das entscheidet sich immer kurzfristig, ich soll morgen nachschauen. Ob es einen Aufzug gibt, falls ich zu einem der entfernteren Bahnsteige muss. Ja gibt es, nur der ist kaputt. Ich hoffe der Zug fährt von Bahnsteig eins, sonst muss ich wie in Udine das Rad die Treppe hinunter und wieder hinauf befördern ……. Dies ganze Aufregung hat auch ihr Gutes, ich kann um sechs Uhr die erste Halbzeit des Österreich Spiels bei der WM sehen, und in Bologna verkürzt sich meine Wartezeit um zwei Stunden auf sechs Stunden. Dann laufe ich noch durch Lecce, aber große Lust habe ich heute nicht. Ich esse einen Salat, und während ich esse fällt mir ein gelesen zu haben, im Süden keinen rohen Salat zu essen, der mit Leitungswasser gewaschen wurde. Tja, ist eh schon mein vierter Salat, alles gut. Den Fahrradakku habe ich auch noch voll aufgeladen, ich werde ihn zwar nicht mehr brauchen, aber wer weiß was an Überraschung kommen könnte und ich froh wäre einen vollen Akku zu haben ;-) Ohne weiter Überraschungen werde ich am Donnerstag um 6:06 in Graz aus dem Zug steigen, ich freue mich!
Kommentar hinzufügen
Kommentare